TEACH & TRAIN

Präsentieren bedeutet, mit Menschen zu sprechen.

Category: voice

Ohne Worte

ANGST-ATEMLOS.png

Cat walk

 LOST_CAT_C.Paul_W. MacNaughton.jpg

Bildquelle: Lost Cat. A True Story of Love, Desperation, and GPS Technology von Caroline Paul & Wendy MacNaughton (2013).

Sie sehen: Katzen sind auch nur Menschen. – Und jetzt kommen Sie bitte hinter dem Pult hervor, legen Schlüssel, Stift und Kärtchen aus der Hand, weil Sie die alle nicht für Ihren Vortrag brauchen – und alles, was Sie nicht brauchen, hilft sowieso nicht – gehen ein paar Schritte auf uns zu, genau, bis in die orange Wasserzone mindestens, denken daran, wie gut Sie kochen oder rückwärts einparken können oder wie schön es gestern im Schwimmbad war, als die Kraniche ihre Kreise über Ihnen zogen, lassen das Lächeln zu, das sich gerade in Ihr Gesicht zaubern will, sehen uns an, stellen sich uns bitte *nicht* nackt vor, weil das Ihr Lächeln in den meisten Fällen nur wieder entzaubern oder Sie völlig aus dem Konzept bringen würde, freuen sich darauf, dass Sie gleich präsentieren *dürfen* – und ja, so ein Re-Framing hilft – spüren nochmal nach, ob Ihre Schultern und Beine verkrampft oder entspannt sind – und der Rest von Ihnen? – atmen dabei bewusst über das Zwerchfell ein und auch wieder aus und wieder ein und sagen dann endlich das, worum es im Vortrag geht, denn man kann es auch übertreiben mit Self-care und Achtsamkeit* und dem sich liebevollen Kümmern ums innere Mause-Ich beim Vortrag, denn so schaffen wir uns nur die nächste Kuschelkistenzone, aus der wir nicht herauswollen. Nachher dürfen Sie auch wieder in den Pappkarton zurück oder auf Ihr Smartphone gucken; versprochen.

*) Stimm- und Atemübungen und Entspannungstechniken sind natürlich wichtig. Sie wirken eher langfristig. Jeden Tag ein paar Minuten (wie Zähneputzen) sind besser als nur ab und an eine halbe Stunde. Sich noch kurz vor dem Vortrag warm- und wachsummen hilft aber auch und zwar besser als Bachblütenrettungstropfen. Lernen Sie, Ihren Körper und Ihre Stimme als Ressource zu betrachten. Die können Sie auch nicht vergessen.

Eine kleine Sammlung hilfreicher Übungen zum Lesen und Hören finden Sie auf Starke-Stimme, ein kurzes Video zu Stimmbildung und Körperspannung habe ich schon früher hier auf TAT verlinkt.

Daenerys, my dear #2

2-IMG_3980
Mein Lieblings-Ressourcensatz aus dem Coaching (siehe Novemberposting) endlich mit Bild. – Danke, Noun Project. Danke, Küchentisch.

 

Everything is connected

Oder: The Mehrabian Myth revisited.

Warum? Weil es immer wieder ein Thema ist, ein sehr altes Thema. Ein uraltes Thema. Das leider keinem hilft. Nur denen, die daran verdienen.

TAT_Everything.001.png.001

Es hilft auch denen nicht, die glauben, sie müssten nur ein bisschen ihr Äußeres aufpolieren, um Eindruck zu machen. Solche Zahlen machen aber auch Angst. Andere machen mit dieser Angst Geld. Und deshalb ist es wichtig, sich gegen Mythenverbreitung dieser Art zu wehren. Immer wieder. Es geht hier nicht um nörglerische Besserwisserei.

Sagen wir es also laut und im Chor:

Unsere Wirkung auf andere beim Vortrag hängt nicht zu 55% von non-verbalen Signalen, zu 38% von unserer Stimme und nur zu 7% vom Gesagten ab. Alles hängt miteinander zusammen beim Vortrag. Besonders und auch das, was ich sage. Guter Text macht schlechten Vortrag fast erträglich. Und weil alles mit allem zusammenhängt, kann man an allem ziehen, zerren, zuppeln, arbeiten. Es ist dabei ziemlich egal, wo man anfängt mit einem guten Vortrag. Hauptsache, man fängt überhaupt an.

Worum genau geht es nun?

Die 55-38-7-Regel besagt lediglich Folgendes: Wenn wir einem Sprecher nicht vertrauen, weil es widersprüchliche Signale gibt, orientieren wir uns im Zweifel stärker an den non-verbalen Signalen, und auch dies nur, wenn es dabei um Aussagen mit hohem emotionalen Faktor geht.

Wenn es um Leben und Tod geht, dann traue ich meinem Bauch, nicht Ihrer flötenden Stimme. Mit gutem Grund.

Hier weitere Informationen. Alle sind schon etwas älter. Siehe oben.

  • Debunking the Myth. 2009. Schöne Zusammenfassung von Olivia Mitchell.
  • Busting the Mehrabian Myth. Video von 2009.

  • Debunking the Debunkers. Etwas aufgeregtes Posting von Nick Morgan. Auch schon von 2009. Sagte ich schon, dass es ein altes Thema ist? Gute Diskussion direkt darunter. Auch Olivia mischt sich ein und mit. Danke.

Nick Morgan bringt in seinem Rant zwei Dinge durcheinander:

  1. Den Mehrabian-Mythos und
  2. die Frage, inwieweit ein schlechter Auftritt die Wirkung eines Vortrags beeinträchtigt.

Klare Antwort: sehr. Aber es hängt eben immer auch davon ab, was Sie sagen. Wir verzeihen sehr viel, wenn uns der Inhalt berührt und tangiert. Sogar schlechte Folien und nervöse Hände. Umgekehrt gilt: Wenn ich Sie nach zehn Sekunden als Hohlschwätzer entlarvt habe, weil Sie uns einen Gerhinmythosbären nach dem anderen aufbinden, hilft Ihnen nichts: nicht Ihr schicker Anzug/alternativ kurzer Rock und hübsche Beine, nicht Ihre geschulte Stimme, nicht Ihr selbstverliebtes Lächeln. Dann gehe ich auf die Suche nach Tipp- und weiteren Fehlern. Und ich werde sie finden. Niemand ist perfekt.

Und das wiederum wird mir meine schlechte Meinung von Ihnen weiter bestätigen. Denn so geht Vortrag. Und so geht Mensch.

Präsentieren bedeutet, mit Menschen zu sprechen.

Dazu müssen Sie vor allem etwas zu sagen haben. Alles ist andere ist Turteln, Säuseln, Kuscheln, was nicht schlimm ist aber im schlechtesten Falle Zeitverschwendung.

 

Locomotive Breath

Ihre Stimme ist ein wunderbares Instrument, das geübt werden will. Rund 100 Muskeln sind am Sprechen oder Singen beteiligt. Aufwärmübungen für die Stimme sind also unbedingt eine gute Idee und einige Übungen können Ihnen sogar helfen, Ihr Lampenfieber in den Griff zu bekommen oder einen Black-out zu vermeiden. Richtig Atmen (und damit reichlich Sauerstoff im System) ist das einzige, womit Sie kognitiv gegen Redeangst anarbeiten können.

Stimm- und Atemübungen wollen aber gerade zu Semesterbeginn viele nicht in der Gruppe machen. Das ist auch ganz verständlich, man sieht mit weit geöffnetem Mund und hängendem Unterkiefer dümmlich bis albern aus. Gerade Herumalbern ist jedoch mit das Beste, was wir für unsere Stimmen tun können. Lachen entspannt. Aber es gibt auch unalberne Übungen und viele davon kann man alleine zuhause machen oder gemeinsam in einem unserer Einzelcoachings. Bei ernsten Stimm-  und Sprechstörungen sollten Sie jedoch unbedingt unter Anleitung erfahrener Logopäden oder Stimmtherapeuten arbeiten.

In der obigen Trainingssequenz zeigt Claudia Rübben-Laux vom Chorverband NRW sehr schön, wie Sie zu einer guten und entspannten Haltung kommen und warum diese fürs Sprechen und Singen wichtig ist. Körper führt Stimme. Text aber auch!

Everything is connected.

So wichtig Stimmen für  Vorträge auch sind: Es ist nicht richtig, dass unsere Wirkung auf andere Menschen zu mehr als 38% von unserer Stimme abhängt und nur zu 7% von dem Gesagten selbst. Das wird zwar sehr oft (und leider aber verständlicherweise auch von Stimmexperten) so postuliert, beruht aber auf einer Fehlinterpretation einer Studie, der berühmt-berüchtigten Mehrabianstudie, aus den 70ern. Mehr dazu im nächsten Posting.