TEACH & TRAIN

Präsentieren bedeutet, mit Menschen zu sprechen.

Category: delivery

Season 3

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Und man weiß, es wird nicht gut ausgehen, und man weiß, die Geschichte ist nicht mehr aufzuhalten, und der Erzähler schiebt ein paar scheinbar harmlose Sätze vor den eigentlichen Anfang und erklärt, wer die Oboe ist und wer die Streicher, wer die Ente und wer die Katze. Und wer die Musik kennt und Peter und den Wolf, der weiß, dass es für die Akteure unaufhaltsam dem Ende zugeht; nur sie selber wähnen sich noch planvoll handelnd. — Fargo Season 3 ist vortragsklüger als jedes Handout zu Aufbau und Struktur es jemals sein könnte und ganz, ganz großes Kino.

Angst 101

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Angst ist die Vorstellung von etwas.

Wir fürchten uns vor dem, was war und vor dem, was sein könnte. Angst ist nie jetzt. Angst ist immer gestern oder morgen. Angst ist manchmal aber auch etwas, an dem wir uns liebevoll festklammern. Wir übersehen dabei oft, dass wir uns einen Käfig bauen, der nach oben hin weit offen ist. Wir schauen nur nicht dorthin. Wir konzentrieren uns auf unsere Angst. Wir sehen nach unten und schwarz.

In meinen Seminaren sitzen so viele Ängste. Fast alle nehmen sich zu viel Raum.

Seit Wochen hören wir, dass einer sich fürchtet vor dem Vortrag. Seit Jahren schon. Endlich ist heute. »Am besten entschuldige ich mich kurz vorher noch mal.« »Nein,« sage ich. »Vielleicht brauchen wir Ihre Angst heute gar nicht. Reden Sie lieber über das, was Ihnen am Herzen liegt: Ihre Fotografie. Der Rest findet sich. Ihre Angst setzen wir nach vorne neben Sie, wo sie einander sehen können.«

Und dann ist es, wie es immer ist. Und die Angst spielt zumindest heute keine Rolle. Sie ist fast unsichtbar. Sie bekommt Milch und Kekse. Wir aber bekommen einen Vortrag aus der Dunkelkammer, aus Licht und Schatten, aus Gesichtern und Momenten. Und über das, was man alles nachbearbeiten kann oder könnte, über Lautstärke und Fokus: darüber reden wir beim nächsten Mal. Denn ab jetzt gibt es ein nächstes Mal.

Dragonlore

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Wir machen uns nicht klein, wenn wir die Drachen rufen. Wir stehen nicht gesenkten Kopfes da. Wir üben keine Gesten.

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Wir stehen nicht hinter dem Pult, wenn wir die Drachen rufen.

Wer Drachen rufen will, braucht Luft und Raum. Das Pult ginge bald in Flammen auf unter unseren Händen. Wenn wir die Drachen rufen, geht es um Leben und Tod. Da steht und spricht man besser frei. Wenn wir die Drachen rufen, lesen wir nichts ab.

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Wenn wir die Drachen rufen, ist alles still um uns herum und in uns auch.

Alles ist klar wie Drachenglas. Wir wissen genau, was wir sagen müssen und tun.

Wir sind der Drache, den wir rufen. Wir brauchen nur den einen Satz, um den es geht: den mit dem Herz aus roter Glut. Sonst nichts. Das ist der Zauberspruch.

Wir üben nichts vor dem Spiegel ein, wenn wir die Drachen rufen. Sie würden uns nicht hören, riefen wir sie mit falscher Stimme.

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Später vielleicht zeigen wir euch unseren Lieblingsdrachen. Hier: dieser eine ist es, der Flügel hat aus Wasserblau. Auch diese Geste kennt unser Körper von alleine. Körper sind drachenalte Tiere.

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Später, wenn wir mit den anderen am Feuer trinken und essen und Geschichten erzählen von und nach der Schlacht, dann sitzen wir. Auch hier gilt: Wenn es ein Satz mit einem Drachenherzen ist, kommen die Hände von ganz allein dazu.

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So ist es, wenn man die Drachen ruft.

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Ohne Worte

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You and me both

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Es hätte so schön sein können.

Ihr Lampenfieber und meine Aufmerksamkeitskurve sind fast deckungsgleich. Am Anfang, wenn ich noch hoffe, dass heute mal beim Vortrag alles anders wird – und das hoffen wir ja jedes Mal wieder, against all odds – machen Sie mir deutlich, wie sehr Sie es hassen, das mit dem Vortrag. Wie nervös Sie sind. Genau dann, wenn Sie meine volle Aufmerksamkeit haben, kokettieren Sie damit, dass Sie nicht vorbereitet sind, weil Sie sich nie vorbereiten, weil Sie immer viel zu nervös sind dafür. Nur Spießer bereiten sich vor. Sie streicheln Ihr Bauchweh.

Mein Bauchweh kümmert Sie offenbar nicht. Aber mich. Und ich komme nicht mit. Ich komme einfach nicht mit.

Und tschüss.

Da, wo Sie langsam entspannen, weil Sie merken, Sie leben noch, träume ich von elektrischen Schafen oder gucke Katzenvideos auf dem Smartphone. Erst am Ende finden wir wieder zusammen und sind beide froh, dass es vorbei ist.

Schade. Nicht? Schon um unser beider Zeit.