TEACH & TRAIN

Präsentieren bedeutet, mit Menschen zu sprechen.

Kategorie: structure

Eigentlich …

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Eigentlich ist alles ganz einfach. Eigentlich wissen wir alle, wie Vortrag geht.

Eigentlich …

Aber dann kommt die Aufregung dazwischen, die Zeit, die Technik, alles mögliche, die alte Angst, die Vorstellung, sie könnten uns nicht mögen, die anderen; und vor allem das viele Gerede übers Präsentieren. Du musst … Nein, du musst …  Versuch doch mal …

Präsentieren bedeutet … und Sie wissen schon, was jetzt kommt.

Was immer kommt. Präsentieren bedeutet, mit Menschen zu sprechen.

Alles andere ergibt sich daraus.

Weil es stimmt. Ein bisschen gesunder Menschenverstand reicht. Sie wissen, wie Film geht. Sie wissen, wie Story geht. Sie wissen es, weil Sie genau spüren, wenn ein Vortrag Sie nicht mitnimmt, nicht am Ärmel zuppelt und flüstert: Komm mit! Ich zeig dir was!

Klammern Sie sich nicht so viel an Regelwerk. Lernen Sie keine Ich-muss-Listen auswendig. Jeder Vortragende ist anders, jeder kann und darf anders sein. Was für Schenkelklopfer und Bühnenhengste funktioniert (meist sehr viel weniger, als sie selber glauben), funktioniert für die Stillen und Leisen unter uns nie.

Finden Sie Ihre eigene Stimme, Ihren eigenen Stil. Kopieren Sie niemanden. Lesen Sie nicht: Präsentieren wie Steve Jobs. Auch nicht: Präsentieren wie Anke Tröder. Schreiben Sie lieber Ihr eigenes Buch: Präsentieren wie mein bestes Ich.

Ich versuche hier mal alles, was ich weiß und woran ich glaube beim Vortrag (Präsentieren bedeutet, mit Menschen zu sprechen) in fünf Unterpunkte zu fassen.

  1. Vergessen Sie das mit dem einzig wahren Ziel. Ziele sind wichtig, Landkarten und Richtungen sind besser. Dann kann man auch mal einen Schritt zur Seite, ein bisschen mäandern, abweichen, solange die Zeit das erlaubt. Zielsätze wiederum sind hilfreich. Die Story to go. Worum gehts? Was soll ich mitnehmen? Geht das in einem Satz? Für einen Gründerpitch muss das knackiger sein als für ein 15-Wochen-Seminar oder einen Wochenend-Workshop.
  2. Denken Sie. Denken ist eine altmodische, unterschätzte Tugend. Denken Sie laut. Mit uns. Das ist Vortrag. Denken Sie im Stehen, im Sitzen, auf dem Kopf, in einem Sessel, hinter dem Pult, neben dem Pult. Hauptsache, Sie denken laut und reden Hörtext. Schwätzen Sie nicht. Außer, Sie werden fürs Schwätzen bezahlt. Kommen Sie zum Punkt. Manche Vorträge lieben wir, weil sie nie zum Punkt kommen. Andere nicht. Vieles hängt einfach davon ab, ob wir uns auf Sie einlassen wollen. Machen Sie es uns einfach, Sie zu mögen. Reduzieren Sie vorher, was hinterher nicht reinpassen wird. Spielen Sie Game of Thrones mit Ihrem Vortrag. Kill your darlings. Sie wissen doch eigentlich, dass Sie zu Punkt 10 nicht kommen werden. Basic Instinct 101.
  3.  Fangen Sie an. Fangen Sie jetzt an. Fangen Sie damit an, was alle kennen. Fangen Sie dort an, wo schon alle sind. Auf der untersten Stufe der didaktischen Treppe. Beim kleinsten gemeinsamen Nenner. Bei der gemeinsamen Vision. Hauptsache, Sie fangen an. Reden Sie nicht lange darüber, was Sie tun werden. Tuns Sies einfach. Verlieren Sich nicht in Meta-Geschwatz. Außer, Sie werden genau dafür bezahlt.
  4. Bewegen Sie uns. Unsere Köpfe, unsere Herzen. Bitten Sie uns nicht, aufzustehen und Kniebeugen zu machen, wenn Sie uns nicht kennen. Erzählen Sie uns lieber was. Tell me a story, sing me a song: In all likelihood I will tag along. (Nein, das kann ich nicht übersetzen, das wollte Englisch sein.) Laden Sie uns ein mitzudenken, Fragen zu stellen. Auch laut. Bringen Sie uns Antworten mit auf Fragen, von denen wir nicht wussten, dass wir sie haben. Denken Sie in Spannungsbögen und Wachmachern. Dann kommen wir gerne mit. Auch längere Strecken.
  5. Hören Sie auf, wenn der Vortrag zu Ende ist. »Und sie lebten halbwegs zufrieden bis an ihr Lebensende« ist ein besserer Schluss, als »Ich glaube, die Zeit ist um.« Ein guter Schluss macht selbst einen schwachen Einstieg rückblickend gut. Primacy & Recency rule. Fragen Sie bloß nicht, ob jemand noch Fragen hat. Nicht alle stehen gerne auf und melden sich vor hundert anderen Fremden. Wenn Sie eine Diskussion wollen, bringen Sie lieber selber noch einen Denkanstoß mit oder schreiben Sie dem Moderator etwas auf sein Kärtchen. Haben Sie eine didaktische Reserve, für den Fall, dass noch Zeit ist. Oder doch einer was fragt. Oder der Strom ausfällt. Oder ein Adapter fehlt. Oder sonst was ist. Irgendwas ist eigentlich immer, wenn Vortrag ist. Versuchen Sie, Anfang und Ende miteinander zu verknüpfen. Machen Sie eine runde Sache draus. Sie können das. Eigentlich.
  6. Nein, zu Folien muss man nichts sagen. Folien sind kein Vortrag. Folien sind Hilfsmittel. Wie Rednerpulte. Man braucht sie seltener, als man denkt. Ist der Vortrag gut, hält man auch schlechte Folien aus. Sind die Folien toll, machen sie einen schlechten Vortrag nicht besser, nur erträglicher, weil wir was zu gucken haben. Meistens gucken wir dann aber ins Smartphone. Sieht ja keiner. – Eigentlich.

 

 

 

Ohne Worte. Fast.

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Eigentlich wissen Sie, wie guter Vortrag geht. Sie haben auch fast immer alles dafür dabei. Nur nicht immer in der richtigen Reihenfolge.

Magical Hour

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Sie haben 20 Minuten Zeit für Ihre Thesis. Fünf für die öffentliche Präsentation. Meistens zehn Minuten für einen Gründer-Pitch. Manchmal aber auch nur drei. 60 Sekunden reichen für eine schnelle Erklärung. Vergessen Sie das mit dem Aufzug. Im Aufzug will man seine Ruhe. 140 Zeichen sind ein Tweet oder ein kurzer Roman. Neun Sekunden ein guter Gedankentakt. Ein Handschlag auch. Was tun Sie mit dieser Zeit? Fakten aneinanderreihen wie Dominosteine? Bis alles in sich zusammenfällt; auch wir?

Tell me why!

1-IMG_8934»Ich habe den Vortrag jetzt mal anders gemacht, nicht so, wie wir es bei Ihnen gelernt haben, ich dachte, bei einem Thema wie Typographie passt das alles nicht so richtig, ich fange deshalb mal mit der Biografie von XY an.«

Warum? Warum? Warum denn nur?

Drei Minuten später haben wir Herz und Verstand und Relevanz.

Einzige Frage: »Warum haben Sie XY denn überhaupt ausgesucht?«

Die Antwort ist eine so wunderbare Geschichte in 60 Sekunden, dass ich fast weine, weil sie es immer wieder und immer noch nicht verstehen können, dass die Biografie fast nie der richtige Einstieg ist zu einem Menschenthema, sondern immer nur der vermeintlich sichere. Und tiefgraue.

Sagt mir doch lieber zuerst, warum es ein Glück ist, dass einer überhaupt geboren wurde und nicht wann. Dann klingt ihr auch plötzlich so, als ob es gar kein Vortrag mehr ist.

Beginner’s Luck

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Aller Anfang ist schwer. Das gilt fürs Präsentieren wie für alles andere. Am einfachsten ist es, Sie fangen dort an, wo schon alle sind. Auf der untersten Stufe der didaktischen Treppe: beim Vorwissen Ihrer Zuhörer, bei den zu vermutenden Ängsten im Publikum, ihren Bedürfnissen, unser aller Bequemlichkeit. Beim kleinsten gemeinsamen Nenner eben. Und ob der konkrete Einstieg dann ein Bild ist, eine Frage, eine Zahl, zehn Zahlen, ein Szenario, eine Erinnerung, eine Hände-hoch-Abfrage oder ein Zitat, spielt keine so große Rolle. Am Anfang müssen einfach nur alle in ein Boot. Rudern müssen anfangs Sie. Je diffuser der Einstieg, umso mehr müssen Sie rudern. Später können Sie das Ruder ruhig auch mal abgeben. Und wie für fast alles beim Präsentieren gilt auch hier: Dies ist eine Non-Regel. Non-Regeln sehen vor allem als Sinnspruchposter hübsch aus. In Wahrheit können Sie natürlich auch mit genau dem einen Satz einsteigen, den keiner versteht. Auch das ist ein gemeinsamer Nenner. Sie müssen nur erklären, worum es geht.

Denn um das Erklären, darum geht es ja. Das ist unser Job.