TEACH & TRAIN

Präsentieren bedeutet, mit Menschen zu sprechen.

Kategorie: human touch

You and me both

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Es hätte so schön sein können.

Ihr Lampenfieber und meine Aufmerksamkeitskurve sind fast deckungsgleich. Am Anfang, wenn ich noch hoffe, dass heute mal beim Vortrag alles anders wird – und das hoffen wir ja jedes Mal wieder, against all odds – machen Sie mir deutlich, wie sehr Sie es hassen, das mit dem Vortrag. Wie nervös Sie sind. Genau dann, wenn Sie meine volle Aufmerksamkeit haben, kokettieren Sie damit, dass Sie nicht vorbereitet sind, weil Sie sich nie vorbereiten, weil Sie immer viel zu nervös sind dafür. Nur Spießer bereiten sich vor. Sie streicheln Ihr Bauchweh.

Mein Bauchweh kümmert Sie offenbar nicht. Aber mich. Und ich komme nicht mit. Ich komme einfach nicht mit.

Und tschüss.

Da, wo Sie langsam entspannen, weil Sie merken, Sie leben noch, träume ich von elektrischen Schafen oder gucke Katzenvideos auf dem Smartphone. Erst am Ende finden wir wieder zusammen und sind beide froh, dass es vorbei ist.

Schade. Nicht? Schon um unser beider Zeit.

Available light

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Ich weiß vorher nie genau, was Sie sagen werden. Ich weiß nur, dass Sie etwas sagen werden, wenn ich Sie bitte, den grauen müden Klotz da vor sich gegen das Fenster zu halten.

Manche sagen: Ah! oder Oh! – Manche sagen auch: Toll. – Manche sagen wie cool oder wie schön. Manche auch einfach nur Ach! – Manche lächeln nur. Schönes macht uns ja schnell stumm. Es ist wie mit einem Feuerwerk (so habe ich es in Mary Poppins gelernt): Man kann eigentlich nur Ah! und Oh! sagen, wenn Lichtsterne auf einen herabregnen.

Es gab bisher noch niemanden, der nicht auf die Lichtadern reagiert hätte. Bei dem sich nicht etwas bewegt hätte im Gesicht oder den Händen.

Ich weiß auch immer schon vorher, was Sie sagen, wenn ich nur ein Stück Lichtbeton im Seminar herumgebe: Zeig mal! Lass mich auch mal!

Spielkind Mensch.

Und dann kommen die Fragen: Was ist das? Wie geht das? Was kostet es?

Genau so ist guter Vortrag. Hochgradig ansteckend. Lass mich auch mal! Er macht uns neugierig. Und kinderwach und hell und froh. Ein guter Vortrag ist immer Licht. Und immer auch ein klein wenig Ah! und Oh!

The True Blue Magic of a Talk

tat_phrases-bythebookDa ist immer etwas, wenn es um Vortrag geht, was sich nicht in einer How-to-Matrix oder einer To-Do-Checklist erfassen lässt. Da ist ein Restzauber, der sich dem profanen Rezeptbuch »So geht Vortrag« entzieht.

Das ist einerseits beruhigend, weil es bedeutet: es geht nicht um Ihre nervösen Hände oder Füße. Andererseits ist es höchst beunruhigend. Weil da etwas ist, was sich nicht abhaken lässt, nicht auswendiglernen. – Das englische Enchantment trifft es weit besser als unsere alchemistische Magie. – Ich nenne es meist ganz profan Verlieben. Ohne das geht es nicht.

Cat walk

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Bildquelle: Lost Cat. A True Story of Love, Desperation, and GPS Technology von Caroline Paul & Wendy MacNaughton (2013).

Sie sehen: Katzen sind auch nur Menschen. – Und jetzt kommen Sie bitte hinter dem Pult hervor, legen Schlüssel, Stift und Kärtchen aus der Hand, weil Sie die alle nicht für Ihren Vortrag brauchen – und alles, was Sie nicht brauchen, hilft sowieso nicht – gehen ein paar Schritte auf uns zu, genau, bis in die orange Wasserzone mindestens, denken daran, wie gut Sie kochen oder rückwärts einparken können oder wie schön es gestern im Schwimmbad war, als die Kraniche ihre Kreise über Ihnen zogen, lassen das Lächeln zu, das sich gerade in Ihr Gesicht zaubern will, sehen uns an, stellen sich uns bitte *nicht* nackt vor, weil das Ihr Lächeln in den meisten Fällen nur wieder entzaubern oder Sie völlig aus dem Konzept bringen würde, freuen sich darauf, dass Sie gleich präsentieren *dürfen* – und ja, so ein Re-Framing hilft – spüren nochmal nach, ob Ihre Schultern und Beine verkrampft oder entspannt sind – und der Rest von Ihnen? – atmen dabei bewusst über das Zwerchfell ein und auch wieder aus und wieder ein und sagen dann endlich das, worum es im Vortrag geht, denn man kann es auch übertreiben mit Self-care und Achtsamkeit* und dem sich liebevollen Kümmern ums innere Mause-Ich beim Vortrag, denn so schaffen wir uns nur die nächste Kuschelkistenzone, aus der wir nicht herauswollen. Nachher dürfen Sie auch wieder in den Pappkarton zurück oder auf Ihr Smartphone gucken; versprochen.

*) Stimm- und Atemübungen und Entspannungstechniken sind natürlich wichtig. Sie wirken eher langfristig. Jeden Tag ein paar Minuten (wie Zähneputzen) sind besser als nur ab und an eine halbe Stunde. Sich noch kurz vor dem Vortrag warm- und wachsummen hilft aber auch und zwar besser als Bachblütenrettungstropfen. Lernen Sie, Ihren Körper und Ihre Stimme als Ressource zu betrachten. Die können Sie auch nicht vergessen.

Eine kleine Sammlung hilfreicher Übungen zum Lesen und Hören finden Sie auf Starke-Stimme, ein kurzes Video zu Stimmbildung und Körperspannung habe ich schon früher hier auf TAT verlinkt.

Spannend

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Ich treffe Gastgeber und Gastredner im Aufzug, wir plaudern höflich, es sind acht Stockwerke, die wir überbrücken müssen. Ich werde vorgestellt als die, die ich bin. Die Dozentin, die sich in alles mit Präsentationen einmischt. – Genau. Das ist mein Job.

4. Stock: »Ich mache dann erst Mal den Pflichtanteil, die PowerPoint, wie ich es immer mache mit Kunden, die mich nicht kennen. Muss man ja heute. Frage & Antwort finde ich ja spannender.«

Ich auch, alle, jeder, und ich habe Angst vor dem, was kommt. Dem, was immer kommt, wenn einer tut, was er glaubt tun zu müssen, statt das zu tun, was dem Thema dient. Ich mache den schnellsten Elevator-Pitch meines Lebens für gute Vorträge, ich habe nur noch ein Stockwerk: »Wollen wir dann nicht lieber nur Frage und Antwort? Das ist ja …«

Aber es ist zu spät.

Pling, macht der Aufzug. Wir sind da.

Und dann ist es, wie es immer ist. Der PPT-Teil ist kleinteilig, detaillastig, faktenlastig. Wir haben noch keinen Kontext und sollen uns schon für die Geschichte des Unternehmens und Kommastellen von Zahlen interessieren. Einer spricht mehr zu seinen Folien als zu den Gästen am langen Tisch. Es ist zu hell, zu warm, zu viel.

Der Cognitive Load wiegt zenterschwer. Mein Herz auch.

Ich stehe abseits, im Schatten einer Tür und halte mich an meiner Kamera fest;  so fest ich kann, damit mein Blick nicht entgleist. Ich will nicht unhöflich sein. Aber ich bin so traurig. Und so zornig. Und so entsetzlich müde.

Ich möchte aufstehen und ihm die Folien wegnehmen. Diese Folien mit den tausend Informationen. Später werde ich lernen, dass dies schon die entkernte Fassung war.

Nicht entkernt genug.

Die Blicke der anderen Gäste werden gläsern und schwer. Sie sind höflich und müde. Nach dem Vortrag gibt es etwas zu essen. Diese Vision hilft.

30 endlose Minuten. Hundert gefühlte Stunden. Am Schluss noch ein kurzes Video, das alles zum Absturz bringt, weil es falsch eingebunden ist und sich nicht mit der Fernbedienung starten lässt, dann aber, als es endlich läuft, alles sagt, was man über dieses Unternehmen wissen muss.

Das Video wäre der bessere Vortrag gewesen. Der richtige Vortrag.

Mehr hätten wir nicht gebraucht.

Und dann kommt Frage & Antwort. Und alles verändert sich.

Der Redner wird zum Geschichtenerzähler, er plaudert, aus dem Leben, aus der Arbeit, er erzählt Anekdoten, er bringt uns zum Lachen, zum Nachfragen, zum Nachdenken, er erzählt wie das ist, mit den Mitarbeitern, ohne die die Firma ja nicht, wie das geht, mit Motivation und Verbundenheit mit einem Unternehmen, mit sozialer und ökologischer Verantwortung, mit Vorschriften und Vorgaben, mit Großzügigkeit, die an Paragraphen scheitert, wir sind hellwach und mögen vielleicht am Ende das Produkt nicht und die Branche auch nicht, aber wir mögen die Geschichten und finden den Menschen spannend und vergessen ganz langsam, wie es vorhin noch war.

Die Geschichten werden bleiben. Die Erinnerung an einen Menschen, einen Abend. Die Fakten auf den Folien nicht. – Es ist immer so.

Präsentieren bedeutet, mit Menschen zu sprechen.