Wo waren Sie gerade?

by anketroeder

Strukturierungen

Meine Studierenden heute nach einem straffen dreiminütigen Inputvortrag zu Aufbau & Struktur gefragt, woran sie dabei gedacht haben. Ich habe sie gebeten, so ehrlich wie möglich zu sein. Wundervoll, der anschließende mentale Rundgang. Danke an alle, die mich daran haben teilhaben lassen.

[Sie glauben doch nicht wirklich, dass 100% von dem ankommen, was Sie sagen? Nicht bei einem TED-Talk, nicht bei einem Referat, egal, wie gut Sie sind. 100%?  Nie. Niemals.]

Mit ausschlaggebend war meine freundliche Vorgabe, dass sie das alles später zuhause bei Kaffee auch hier im Weblog oder in den Handouts nachlesen können. Zuhause. Kaffee. Das ist eine offene Tür ins Blaue. Das ist eine Vision. Ich wäre ihr am liebsten selber sofort gefolgt.

Aber Bildfolien lenken doch die Aufmerksamkeit, höre ich Sie sagen. Tun sie das? Wirklich? Und wohin? Bildfolien lenken genauso ab wie Text, selbst wenn kaum etwas drauf ist.

Ein Bild ist immer auch eine Einladung, eine Erinnerung. Bilder machen mit Ihnen, was sie wollen.

Umfrageergebnisse:

Student 1: Bei der blauen Folie mit der abblätternden Farbe musste ich sofort an ein Bild denken, das ich neulich gesehen habe. Und dann habe ich die ganze Zeit auf Ihr MacBook geschaut und überlegt, was das für ein Aluminiumständer darunter ist. Der ist ja cool.

Studentin 2: Als Sie das mit dem Theater und der Inszenierung sagten, musste ich an das Theaterstück denken, in dem ich letzte Woche war, ich habe vergessen wie es heißt, aber ich komme gleich wieder drauf, Moment, ach ja richtig, Tartuffe.

Studentin 3: Ich musste die ganze Zeit an den Vortrag denken, den wir nächste Woche halten sollen und wie ich Ihre Tipps da am besten umsetze.

Studentin 4: Ich musste an den Vortrag denken, den ich morgen halten muss.

Student 5: Bei der Folie mit den Zensteinen musste ich an meinen Urlaub denken. (Ich auch. Deswegen ist die Folie ja drin. Und natürlich, um über Klischees zu reden. Und über Aufbau und Struktur. Oder über meinen Urlaub. Was eben grade so passt.)

Studentin 6: Ich musste an den Vortrag denken, den ich gleich halten muss.

Studentin 7: Bei der blauen Folie bin ich irgendwie weggeträumt.
(Blau ist so. Blau zieht, zerrt, ruft: Komm, lass uns träumen gehen. Nur weg von hier. Nehmen Sie eine andere Farbe, wenn Sie alle aufwecken wollen.)

Danach halte ich noch einen Vortrag. Diesmal fünf Minuten lang. Warum Vorträge eigentlich das Sinnloseste sind, was wir uns als Lernmittel antun können.

Jetzt hören sie zu, jetzt sind sie ganz dabei, jetzt ist die Spannung zu spüren unter der Haut, aber ich sitze dabei auch sehr dicht vor ihnen und habe meine Geschichtenerzählerstimme angezogen und zeige keine einzige Folie.

Eigentlich lüge ich die ganze Zeit, mit jedem Wort, mit jedem Satz, mit Körper, Stimme, Haut und Haar. Denn natürlich sind Vorträge das Beste, was es gibt, um in Menschenköpfe zu kommen. Menschen lieben Vorträge. Sie dürfen nur nicht nach Vortrag klingen. Dann kommen wir mit. Dann bleiben wir dabei.

PS: Im Notfall sagen Sie ab und an »prüfungsrelevant«, das weckt alle. Immer.