Winter is analog

by anketroeder

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Die ersten Wochen in jedem Präsentationssemester sind immer analog. Das heißt: Ich zeige alles, was digital so geht, fahre zwei iPads auf, Fernbedienungen, meinen alten iPod Touch, rede über kabelloses Präsentieren, Apple TVs, zeige dies und das und jenes. Man muss ja Benchmarks setzen, am Beginn eines neuen gemeinsamen Lernens, nicht?

Und dann ziehen wir gemeinsam den Stecker. Was wäre, wenn Ihnen der Strom ausgeht? Hätten Sie dann noch immer etwas zu sagen? Was wäre, wenn Sie nur drei Minuten hätten? Wie viel Technik ist dann sinnvoll. Wie viele Folien sind dann auszuhalten?

Jedes Semester wieder. Wir fangen da an, wo es für die meisten aufhört. Erste Übung: Analoges Präsentieren mit und ohne Papier. Hauptsache: Worte. Wie immer würde ich danach sofort am liebsten alles, was ich kann, tauschen gegen das, was meine Studierenden können.

Wir versuchen es wie jedes Semester mit den absoluten Basics. Wer analog reden kann, kann alles. Meine Studierenden dürfen alles ausprobieren, was keinen Strom, keine Batterie, keinen Beamer verlangt. Thema, wie jedes Semester, eines, das ihnen unter die Haut gehen müsste: Sie selbst. Ihr Studium. Das Wieso, Warum, Weshalb, Wohin.

Die Hälfte von ihnen wählt Analog Total und redet ohne jedwedes Zubehör. Die Hälfte der Zeit bin ich vorher wie immer nie sicher, ob das vielleicht einfach nur der bequemste Weg für sie ist. Hinterher ist es fast immer für alle die richtige Entscheidung gewesen.

Vier illustrierte Beispiele, vier Wege, vier Lösungen:

1. Nico. Fakultät Gestaltung. Interactive Design & Metall.

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Bring Stuff, predige ich schon in der ersten Sitzung. Und wir bekommen einen jungen Hund, der die Anspannung seines Frauchens kurz vor dem Vortrag spürt, besser als das Publikum, das wie immer für vieles blind ist. Aber die Stelle, als wir etwas zu sehen bekommen, als aus einer abstrakten Designidee ein Steampunk-Ring wird, Farbe, ein bewegtes Eisvogelglitzern, als es endlich konkret wird: Das ist die Stelle, wo es im Publikum raunt: Ach so! Jetzt verstehe ich es. Es ist immer dieselbe Stelle, an der wir verstehen. Es ist die Stelle, wo Ihr Expertenwissen Farbe annimmt und Form. Wo wir begreifen, was Sie sagen. Es ist auch die Stelle, wo der junge Hund ganz still sitzt.

2. Sina. Fakultät Gestaltung. Grafikdesign.

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Schönes Beispiel dafür, wie einfach Visualisierung sein kann und wie hilfreich. Flipchart, Scotch-up Stift, vorbereitete Zeichnungen. Schwarz-weiß-rot. Mehr Minimalismus geht eigentlich nicht. Wir verlieben uns alle in das Eichhörnchen, das Freies Gestalten symbolisiert.

3. Steffen. Fakultät Gestaltung. Metall.

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Steffen schneidet  Blätter aus seinem Skizzenbuch zurecht. Die Geschichte beginnt so, wie viele Gestaltergeschichten. Ich habe schon immer gerne gescribbelt, ich habe schon immer was mit Computern gemacht. Wir lachen alle an derselben Stelle: Als er erzählt, dass sein Vater, der Goldschmied, zu ihm sagt: Mach, was du willst, Junge. Das haben wir nicht erwartet. Das haben wir alle schon anders erlebt. Das kennt fast jeder Künstler anders. Und die Geschichte trägt, und hat eine Spiegelachse, und am Ende sind alle froh: Der Vater, der Sohn, das Publikum. Schade, dass ich aus Datenschutzgründen immer nur die Ergebnisse zeigen darf, kaum jemals die Gesichter :)

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4. Steffi. Fakultät Gestaltung. Grafikdesign/Innenarchitektur.

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Steffis Geschichte ist eine alte Geschichte. Eine Vernuftehe mit der Juristerei. Und eine Romanze aus dem Nichts. Und wir fiebern mit und gehen mit und stoßen Cortisol aus und Oxytocin und nur zwischendurch und ganz am Ende fragen wir uns: Und was genau machst du jetzt eigentlich? So schön dunkle Liebesgeschichten auch sein mögen: Machen Sie sie relevant, machen Sie sie konkret, machen Sie sie bunt. Schenken Sie ihrer Geschichte Verben und Adjektive. Substantive auf -heit, -keit und -ung sind die Blutsauger der Textwelt.

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Steffis Geschichte funktioniert ansonsten auf Papier genauso gut wie als Film, den ich schnell zuschneide. So sind Geschichten, so sind gute Vorträge: sie erzeugen einen Film im Kopf der Zuhörer. 

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Der immer noch einfachste Weg (für mich) aus einer Handvoll Schnappschüsse mit meiner kleinen IXUS, die ich im Unterricht immer dabei habe, einen Film zu machen: Quicktime 7 (Macworld: Heben Sie um Gotteswillen diese alte Version auf! Sie ist Gold wert.) 

Was ich manchmal vergesse: Wenn Bilddateien sehr groß sind (ab  3000x … px), schafft ein alter 1024×768-Schul-Beamer gerade mal eine Black Box.

Zehn Sekunden später: Bildersequenz auf 800×600 verkleinert und exportiert. Alles fein.

Vielen Dank an alle meine Studierenden für ihre gute Vorbereitung!