19 May

Heute im Rumreichenetz entdeckt:

18 Powerful Public Speaking Tips for Absolute Beginners.

Los geht es hiermit: Screen Shot 2015-05-19 at 10.55.52

Wieder so ein Mythos, der sich dumm und hartnäckig hält, spätestens seit Jerry Seinfeld die Ergebnisse einer Studie von 1973, die im Book of Lists 1977 auftaucht, der Witzigkeit halber ein wenig verdrehte. Die Furcht vor dem Reden sei schlimmer als die vor dem Tod. Und zwar für die meisten von uns. Tatsächlich hatten nur mehr Befragte spontan Public Speaking erwähnt als Tod. Das ist nicht dasselbe wie: Ich fürchte Reden mehr als den Tod.

Hier wird in einer Diskussion schön aufgeräumt mit dem Angst-Studien-Mythos: In den Kommentaren alle wichtigen Links und Studien (siehe auch weiter unten), ebenso hier: http://joyfulpublicspeaking.blogspot.de/

Es gibt immer Menschen, denen die Angst so im Nacken sitzt, dass sie nicht öffentlich reden wollen (auch dazu eine Studie in den Kommentaren). Aber das hat andere Gründe als das Reden selber, und um die kümmert sich meistens keiner. Die Angst vor einer Gruppe ist am Ende ja doch die Angst vor sich selbst.

Die 18 Tipps selber sind dann gar nicht schlecht und freundlich formuliert.

Aber wie soll ich jemandem vertrauen, der schon im ersten Satz einer unglaubwürdigen Quelle vertraut? (Und auf der ersten kunterbunten Illustration einen Tippfehler hat?)

Hier die Infos von Richard I. Garber (Joyful Public Speaking) aus dem oben verlinkten Thread auf einen Blick. #thx


“Yes, Seinfeld used comic logic to make a statistic funny and changed it from more people fear to people fear more. The Seinfeld version was on the TV show in 1993 and also appears on Track 14 of the 1998 HBO DVD Jerry Seinfeld Live on Broadway (I’m telling you for the last time”).

I’ve blogged about where the survey mentioned in the 1977 Book of Lists really came from – it was a Bruskin survey done in 1973:http://joyfulpublicspeaking.blogspot.com/2009/10/14-worst-human-fears-according-to-1977.html

There also was another Bruskin-Goldring survey in 1993:http://joyfulpublicspeaking.blogspot.com/2011/05/1993-survey-americas-number-one-fear.html

Brian Tracy’s also been spreading a new ManBearPig version that: “According to the book of lists, 54 percent of adults rate the fear of public speaking ahead of the fear of death” in a couple of his books:
http://joyfulpublicspeaking.blogspot.com/2011/06/how-to-recognize-fictitious-statistic.html

Some people (e.g. reticent college students) really do fear public speaking more than death. McCroskey mentioned this in 2009:http://joyfulpublicspeaking.blogspot.com/2009/10/some-college-students-really-do-fear.html

Pale Blue Dot

18 May

Im Seminar im Zusammenhang mit dem Vortrag von Alexander Gerst erwähnt. Carl Sagan’s Pale Blue Dot, 1994, angeregt durch das weltberühmte Bild von der Voyager I, 1990. Die Erde als Pixel. Viel schöner kann man Rhetorik nicht erklären: die Parallelismen, die Reihungen, die Gegensätze. Hier sitzt jedes Wort, jeder Satz. Immer noch. Vielleicht kann man heute nicht mehr so pathetisch sein. Vielleicht sind wir heute zu cool dafür. Aber wie sonst wollte man über Sterne sprechen?

– We are made of star-stuff. –

Es gibt Versionen des Videos auf YouTube, die den Text mit Bildern hinterlegen, slideshow-mäßig. Nichts davon macht den Text besser. Bilder von KZ-Toten dürfen nicht – klick, weiter – an einem vorbeirauschen. Nie wieder. Bilder brauchen Zeit. Tote brauchen Würde. Dieser Text ist ein Sternentext, aus Sternensicht geschrieben, aus 6 Milliarden km Entfernung.

Die Bilder hier unten machen wir uns selber. Jeden Tag.

Und hier ein Artikel im Atlantic, der zeigt, dass auch dieser Text einmal Arbeit mit dem Rotstift war.

[Look again at that dot. That’s here. That’s home. That’s us. On it everyone you love, everyone you know, everyone you ever heard of, every human being who ever was, lived out their lives. The aggregate of our joy and suffering, thousands of confident religions, ideologies, and economic doctrines, every hunter and forager, every hero and coward, every creator and destroyer of civilization, every king and peasant, every young couple in love, every mother and father, hopeful child, inventor and explorer, every teacher of morals, every corrupt politician, every “superstar,” every “supreme leader,” every saint and sinner in the history of our species lived there–on a mote of dust suspended in a sunbeam.

The Earth is a very small stage in a vast cosmic arena. Think of the rivers of blood spilled by all those generals and emperors so that, in glory and triumph, they could become the momentary masters of a fraction of a dot. Think of the endless cruelties visited by the inhabitants of one corner of this pixel on the scarcely distinguishable inhabitants of some other corner, how frequent their misunderstandings, how eager they are to kill one another, how fervent their hatreds.

Our posturings, our imagined self-importance, the delusion that we have some privileged position in the Universe, are challenged by this point of pale light. Our planet is a lonely speck in the great enveloping cosmic dark. In our obscurity, in all this vastness, there is no hint that help will come from elsewhere to save us from ourselves.

The Earth is the only world known so far to harbor life. There is nowhere else, at least in the near future, to which our species could migrate. Visit, yes. Settle, not yet. Like it or not, for the moment the Earth is where we make our stand.

It has been said that astronomy is a humbling and character-building experience. There is perhaps no better demonstration of the folly of human conceits than this distant image of our tiny world. To me, it underscores our responsibility to deal more kindly with one another, and to preserve and cherish the pale blue dot, the only home we’ve ever known.

– Carl Sagan, Pale Blue Dot, 1994]

Mustererkennung

9 May


Trotz Pult und Ablesen hören wir Felix Schwenzel (FS) gerne zu. Warum?

Ich frage mich das jedes Mal und jedes Mal mische ich mich ein bisschen ein, mal auf G+, mal auf FB, aber ich habe FS 2012 auf einer Re:publica auch gefragt, ob ich das darf. Diesmal haben wir uns darauf geeinigt, dass ich einen Weblogeintrag für Sie, meine Studierenden, aus ihm machen darf, denn hier gehört mein Dauer-Vortrags-Murmeln eigentlich hin. Danke schön, FS!

Warum also funktioniert Felix Schwenzel als Abschlussredner bei der Re:publica 2015 so gut?

1) Wer hier ist, kennt ihn aus dem Netz oder anderen Re:publicas und weiß, was ihn (vermutlich) erwartet

Das ist schön meta, denn im Vortrag geht es ja genau darum, dass wir uns unsere Realität selber schaffen und uns unsere Erwartungen immer wieder neu selber bestätigen.

FS liest ab (weil er sich so inhaltlich sicherer fühlt, sagt er selbst). Ablesen ist kein Verbrechen, auch wenn Pultvorträge oft die schlechteren sind. Das wiederum hat verschiedene Gründe.

  • Manchmal verändert Pult Persönlichkeit. Kleine Menschen sollten sich nicht von einem Pult den Raum nehmen lassen.
  • Pulttexte sind oft akademische Lesetexte.

2) Die Texte von FS sind Hörtexte. Er schreibt so, dass er es selber gut lesen kann und so, dass wir gut zuhören können. Für einen Pulttext ist der Re:publica-Text ziemlich nah am Gespräch. Und wenn Sie mich kennen, kennen Sie auch mein Credo: Präsentieren bedeutet, mit Menschen zu sprechen.

Was mich immer wieder fasziniert: Seine Vortragstexte sind fast einen Tick sauberer geschrieben als seine Blogtexte. Ich glaube ja, dass FS sein Skript gar nicht bräuchte. Im Seminar erleben wir das ganz oft. Das Skript weglegen, loslassen, und spüren, dass der Text von alleine trägt.

3) Schwenzels Stimme trägt. Ihn, den Text, den Vortrag.

Das bedeutet NICHT, dass Stimme wichtiger ist als Text. Es zeigt aber, dass guter Text, Sprechtext eben, auch hinter einem Pult funktioniert, wenn man ihn gut liest. Schwenzel ist ein guter Pultredner, weil ihm am Thema liegt, weil wir ihm das, was er sagt, abnehmen. Schwenzel bringt seine Street Cred aus dem Netz und dem Real Life mit ans Pult. Menschen mögen Schwenzel. Schwenzel mag Menschen. Das merkt man. Da kommt kein Oberlehrer, da kommt auch kein Weltverbesserer, da kommt einer, der selber was lernen will, der selber etwas besser machen möchte, der etwas verstehen will, der etwas recherchiert hat und jetzt teilt, was ihm wichtig ist, etwas, das anderen wichtig sein könnte oder sollte.

Die Erkenntnis, dass Realität eine Fiktion ist. Hello, Matrix, my old friend.

4) FS kann aber eben auch Text. Punkt.

Und deshalb funktioniert der Vortrag

Er funktioniert in genau diesem Rahmen, vor genau diesem Publikum, das (fast) alle Insider-Anspielungen versteht. Hier sprechen die meisten denselben Code. Die Re:publica war schon immer ein Klassentreffen, egal, wie groß und unübersichtlich und vielleicht auch blass sie inzwischen ist.

Der Einstieg

FS darf, was man vielen nicht verzeihen würde: Witzig sein und auf den ersten Blick ohne Relevanz fürs Thema. (Bild von Günter Öttinger. Wenn Sie nicht wissen, wer das ist, müssen Sie bitte selber recherchieren. Hier im Raum weiß das jeder.)

(Erinnerte mich ein wenig an einen anderen Vortrag von 2008, als ein Re:publica-Sprecher (Viktor Mayer-Schönberger aus Harvard) seine Keynote Nützliches Vergessen der Telekom widmete, die sich gerade die Farbe Magenta hatte sichern lassen. Ab da weiß jeder im Raum, wie man denkt.)

Der folgende Beavis & Butthead-Witz ist redundant. Wir hatten ja schon gelacht. Aber vielleicht geht das nur mir so. Ich war schon zu MTV-Zeiten kein großer B&B-Fan.

Ich mochte Bannerblindheit. (Müssen Sie jetzt nicht verstehen. Verstehen Sie, wenn Sie gucken.)

Dann kommt auch schon die erste präzise formulierte These. Ein Satz, eine Idee, eine Folie.

[real life ist … realitätsflucht]

FS schreibt das klein, weil er immer alles klein schreibt. Da haben Sie Ihre Authentizität. Bei so kurzen Aussagen ist das aber immer noch lesefreundlich genug. Ich persönlich habe mich gefreut, dass die Ellipse richtig sitzt (mit Leerzeichen). Das freut mich immer.

So freut sich eben jeder über etwas anderes.

Das Folientempo in den ersten fünf Minuten (und später) ist ok, und bietet genug Abwechslung Bild/Text/statisch/Video.

Schlichte Folien. Passt. Wir würden hier keine Glamourfolien wollen.

3:55

Nicht räuspern, besser trinken. Vielleicht vor dem Vortrag noch mal Stimmübungen machen. Summen, Brummen, dann schleimt es später nicht so, sagt Tante Anke. Stimmhygiene.

3:00/4:00 Schöne Reihungen

Reihungen sind wunderbare kleine Salven. Ändern den Rhythmus. Hämmern die Botschaft ein.

[Die Mikrobiologie hat uns neue Ängste, Phobien, Neurosen, oder Ekel beschert, Furcht, Furcht vor Keimen, Waschzwänge …]

[Frauenhass, Fremdenhass, Mobbing, Misanthropie oder meintewegen auch Dummheit.]

Hier höre ich beim ersten Anhören Frauenhass, Menschenhass, stolpere darüber und frage mich, ob Frauen keine Menschen sind, merke dann, dass ich mich verhört haben muss und spule zurück. Live kann ich das nicht.

Deshalb: Deutlich sprechen. Endsilben aussprechen, nicht nuscheln. Nicht zu viel: Hamwer. Haben wir. Es hilft, langstreckig gesehen und gibt der Stimme einen Hauch mehr Haltung und Spannung.

4:16

[Dank des Internets sieht auch der letzte Menschenfreund wie ich, wie viele Arschlöcher es gibt.]

Darf man das? Ja. Ab und zu darf man das. Und manchmal muss man das. Wenn man nicht dauerpöbelt, darf man auch mal sprachlich das Jacket ausziehen. Solange man sich damit nicht anbiedert.

Ich habe auch einen Arschloch-Satz, wenn es ums Thema Authentizität geht: Es gibt auch authentische Arschlöcher.

4:25 Schöne Analogie, schöner Parallelismus

Das Internet ist nicht die Ursache für Mobbing, so wie die Mikrobiologie nicht die Ursache für Krankheiten ist.

4:54 Goatse

(Wieder ein bißchen Code, COIK – Clear only if known, nur für Insider, nicht für Schwenzels Mutter, die auch im Publikum ist. Googel das nicht, Mama! Auch Sie sollten jetzt tunlichst keine Bildersuche starten. Hier reicht Text.)

5:00

Thema Perspektivenwechsel erklärt mit einem Bild seiner Frau Katja, die beim Malen Bilder manchmal auf den Kopf stellt. Schöner, persönlicher Aspekt. (Und ein bisschen erlaubte Eigenwerbung.)

6:30 Welle-Teilchen-Dualismus

Folie dazu: ein Donauwellenteilchen.

Nett, lacht der Raum.

Nur: Großformatige Aufnahmen von Lebensmitteln sind so eine Sache. Meine Ästhetik ist eine deutlich andere als die dieses Stück Kuchens. Ich fotografiere (Essen) anders; so, dass es lebendig wird, dass ich mich immer wieder neu verlieben kann.

Das Publikum findet es aber völlig ok.

7:00 Die Farbe Blau

… hier würde ich (aber das bin jetzt ichichich) mir ein wenig tiefere Erkenntnisse wünschen. FS hatte aber vorhin gerade postuliert, dass er Erkenntnisse profanisieren wird, und also darf er das auch. Zum Nachlesen aber auf der Folie das Buch von Guy Deutscher: Im Spiegel der Sprache. Warum die Welt in anderen Sprachen anders aussieht.

9:30 Zahlensalatfolie (Mustererkennung)

Rein persönliches Lehrer-Ja-Aber: Dieses Beispiel wird oft (falsch) verwendet, um zu zeigen, dass Rechtschreibung keine Rolle spielt, dass wir Wörter trotzdem lesen können, solange der erste und letzte Buchstabe richtig sind. Das aber gilt nur für *vertraute* und einfache Begriffe wie *Huas* oder *enficah*.

Aber darum geht es an dieser Stelle nicht, deshalb ok.

Ungefähr hier wurde ich etwas müde. Warum?

Nicht genug Neues für michmichmich persönlich, Pattern Recognition und Mustererkennung sind mein großes Thema, da war nicht genug Tiefe für michmichmich persönlich, das war mir zu anekdotisch, ich wollte jetzt gerne vorspulen. Das war fürs Publikum vermutlich völlig anders, viele dort sind deutlich jünger als ich, vielen war vieles sicher neu und alle waren ja sowieso da um »ihren Felix« zu sehen und zu hören. Ich habe, weil ich nicht da war, und jeden Vortrag eben auch *beruflich* sehe, eine andere Brille auf, eine andere Wahrnehmung, die oft auch verfälscht, weil ein Live-Vortrag anders ist atmosphärisch als ein Video. Außerdem war es ein Ideen-Anstoß-Vortrag. Der Abschlussvortrag. Passt also.

11:00

war dann aber doch auch ungefähr die Stelle, wo mir der freundliche Sing-Sang langsam zu wenig abwechslungsreich war. Hier würde ich ansetzen wollen und mir einen Hauch mehr Präzision wünschen, etwas mehr Rhythmus.

Und dann kommt die Rhythmus-Änderung aber auch schon und macht mich wieder wach, eine Bilderflut prasselt auf uns ein, und als auch das schon wieder anstrengend wird, nach ein paar Sekunden, sagt Schwenzel auch schon: [Es ist anstrengend, die Wahrnehmung anzupassen.]

Sehr, sehr schöne kongruente Stelle. Gute Choreografie. Bilderprasseln (ich nenne das oft pile ups) ist das visuelle Äquivalent zu sprachlichen schnellen Reihungen. Funktioniert, gut gemacht wie hier, sehr gut.

Und dann kommt eine Zeichnung von metabene, und alles wird wieder ruhig und gut, wie immer, wenn eine Zeichnung von metabene kommt. (Schöne Metastelle: Weil die Quellenangabe nicht zu sehen ist, nennt FS sie. Wer weiß, wie sehr ich an Quellen glaube, und wie sehr ich metabene liebe, weiß, wie sehr mich das gefreut hat.

Das Ende

[Da könnt ihr jetzt wirklich mal drüber nachdenken.]

Wäre mir persönlich zu lehrerhaft, ist aber natürlich wieder ein Bezug zu einem, den alle kennen, der immer sagt: Denkt da mal drüber nach, und genau der/das kam ja vorhin schon vor (24:30). Passt also. Rundes Ende.

So vielleicht.

Man könnte noch vieles, aber der erste Liter Kaffee ist alle, und ich muss noch auf den Wochenmarkt, ins real life.

Mein Fazit:

  1. Beispiele und Aussagen sind fast immer in dichtem Bezug.
  2. Es gibt Zitate, die einen Knoten um das Gesagte/Gezeigte machen. Die Zitate sind oft in Englisch auf den Folien zu sehen, FS spricht sie auf Deutsch. Das ist nett. Die Zitate sind auch kurz genug, um sie zu überfliegen/aufnehmen zu können.
  3. Das Thema ist relevant. Punkt. Wir müssen uns selber misstrauen. Ständig. Dauernd.
  4. Die Text-Folien-Choreografie funktioniert gut, ich würde immer noch ein wenig streichen, aber das ist nicht wichtig
  5. Stimme schlägt Pult
  6. Text schlägt Stimme

Ob man etwas deutlich anders machen kann? Sicher. Kann man immer.

Und fast alle im Publikum werden mir widersprechen, weil live dabei sein, etwas fühlen, gemeinschaftlich, als Herdentier, im Rudel, in der Euphorie einer Abschlussveranstaltung nach drei Tagen Talk und Bier und Menscheln mit Altbloggern und Namen, die man kennt oder eben auch nicht, ist etwas völlig anderes, als ein Video fremdsehen. Wenn man mehr will, als mit Kumpeln schwatzen, ist das aber die Feuerprobe:

Funktioniert es auch außerhalb des Kuschelrahmens der Comfort Zone?

Ich denke, zu großen Teilen ja.

Ich postuliere dennoch mal eine Liste der Möglichkeiten.

  • Bitte noch mehr Aufschauen. Besonders am Anfang. Und immer wieder.

Das spielt live keine große Rolle, weil man es nicht wirklich sieht, aber später auf den Videoaufnahmen eben schon.

Das Aufschauen hilft auch dem Sprecher: Man nimmt noch einmal wahr, zu wem man spricht, und verändert Haltung und Stimme.

  • Etwas mehr Sprechrhythmus, etwas mehr Spannung. Nur ein wenig. Ein ganz klein wenig weniger lakonisch.
  • Weniger *man*. Mehr wir, ihr. Immer, wenn wir unser Publikum ansprechen, sehen wir es an. Oft hilft das auch mit dem Blickkontakt.
  • Einen Tick mehr Präzision an einigen Stellen, aber das ist jetzt nur ein schwammiges Gefühl

Vielleicht hätte ichichich ein paar andere Beispiele gewählt, um zu zeigen, dass wir unsere Realität immer wieder selber konstruieren, dass wir unzuverlässige Erzähler unserer eigenen verfälschten Erzählung sind, dass wir unzuverlässige Zeit-Zeugen sind, dass wir unseren eigenen Erinnerungen nie trauen dürfen, und möglicherweise hätte ich auch Pippi Langstrumpf zitiert, die ich noch immer nicht mag. »Ich mach mir die Welt, widewide wie sie mir gefällt«

Vielleicht hätte ich auch den Begriff Pareidolie genannt, oder William Gibson erwähnt und Pattern Recognition gesagt und nicht Mustererkennung. Aber das wäre dann ich, und es wäre ein anderer Vortrag, und vielleicht hätte ich zu einem leeren Saal gesprochen oder zu einem anderen Publikum.

Wer weiß das schon.

Denn Vortrag ist immer nur, wenn einer aufsteht und spricht.

Sitzkritik ist die bequemste Haltung von allen.

Ich freue mich deshalb ganz offiziell schon hier auf den nächsten FS.

Mission Blue Dot, or how to fall in love

8 May

Wie man einen Vorträg hält, in den sich ein ganzer Saal verliebt?

Ganz einfach. Man fliegt durchs All und twittert darüber in zwei Sprachen und teilt Bilder und zeigt uns hier unten, wie schön wir es haben.

Beim Vortrag beginnt man mit einer Videosequenz, die alle noch mal emotional ins selbe Boot holt. Wow. So grandios schön kann Wissenschaft und Technik sein. Dann kommt man im Astronautenblaumann auf die Bühne und erzählt, wie es war.

Das ist alles. That is all.

Man hat den Vortrag ja eigentlich schon gehalten, bevor es los geht. Die, die hier sind, waren ja schon dabei. Auf Twitter.

Man hat die Herzen aller in diesem Saal ja schon gewonnen, bevor man nur ein einziges Wort sagt.

Weil alle schon verliebt sind. Sonst wären sie ja nicht hier.

Und ab da ist nichts anderes mehr wichtig. Man wünscht sich nichts anderes. Als es ein bisschen anfassen zu können: Den Mut, die Schönheit, das Abenteuer, den Helden, das All, das Blau.

Mission accomplished.

Da kann alles noch so hoch-gehypte Marketing-Storytelling einpacken. Das hier ist eine Bilderbuchabenteuerreise.

Picture book perfect.

(Man könnte, wenn man wollte, sicher. Kann man immer: Statt man ich oder wir sagen. Manchmal etwas langsamer sprechen. Aber das war es auch schon. Und wen kümmert das wirklich?)

Codename COIK

5 May

Clear only if known.

Mario

Die Sache mit den Codes ist spannend geworden. Die Welt ist fragmentierter geworden. Früher reichte ein Tattoo, ein Paar Jeans, eine Zigarettenmarke, um zu zeigen, wer man ist. Alle sahen abends dasselbe TV-Programm. Es gab ja nur zwei. Das ist vorbei. Heute tätowieren sich Star-Architekten, Girlies kaufen sich Bikerboots und junge Frauen mit Attitude wissen nicht, was ich meine, wenn ich »Kick-Ass« sage. Kennen Sie Elon Musk?, frage ich. Nein. Kennen Sie Iron Man? 2x Ja. – Nach Blade Runner frage ich gar nicht mehr. Der kleinste gemeinsame Nenner ist längst keiner. Wir sind alleine mit dem, was wir wissen. We are stardust. Falls Sie noch wissen, wer das gesungen hat.

Vielleicht haben wir uns deshalb so ins Web verliebt. Weil man alles verlinken und annotieren kann. Könnte.

Wie gut, dass es Zeichensprache gibt. Wie gut, dass es T-Shirts gibt. Ich möchte eins mit Semantic Web.

Nach dem Vortrag sagt eine: Ich habe mich so über dein T-Shirt gefreut.

Außer mir wissen alle, worum es geht. Um Mario. Mario kenne ich zum Glück auch, werde aber korrigiert, als ich sage, das ich Mario nicht gucke. Das ist ein Spiel, sagt einer streng. Ich rette möglicherweise mein Ansehen, indem ich das älteste Spiel name-droppe, das ich kenne. Monkey Island. Prince of Persia ist mir so schnell nicht eingefallen. Ich Spießer.

Ich spiele keine Computerspiele, ich lasse nur gerne ab und an was explodieren. Ich räume gerne spielerisch auf. Break-out Spiele. Ich mochte American McGee’s Alice. Das war erfreulich düster und die Cheshire-Katze extrem gut drauf. Erinnern Sie sich noch? Wir schreiben das Jahr 2000 ungefähr.

52 pickup is a staple of juvenile humor.
But when the deck slices and dices, it is no laughing matter.

Wie, das verstehen Sie nicht?

Codes, also. Gemeinsamkeiten. Das Quieken vorne links, wenn die Vortragende sagt, sie kommt aus Bielefeld.

Das Gefühl, nicht alleine auf dem Planeten zu sein. Da sind noch mehr solche wie ich.

Ach, du auch?

Das ist Gold wert. Wenn Sie das schaffen, mit Ihrem Vortrag. Me too. Ich auch. Zwei sind ein Wir.

Um mehr geht es doch nicht bei einem guten Vortrag, oder? Als die Einsamkeit der Zuhörer aufzuheben.

Bei einem schlechten Vortrag wird es immer anders sein. Da geht es immer auch ums Ausgrenzen.

Ich weiß etwas, was ihr nicht wisst, aber ich sage es euch nicht.

Ihr gehört nicht dazu. Ich bin der Experte. Ihr seid nicht meine Hood. Mir doch egal.

Und jetzt überlegen Sie bitte, wie viele und welche Begriffe Sie gerne angeklickt hätten? Keinen. Einen?

Haben Sie überhaupt bis hier her gelesen oder sich schon weiter oben belehrt gefühlt?

Sehen Sie? Während Ihres Vortrags können wir das nicht. Wikipedia-Klicken. Manchmal holen wir trotzdem unsere Smartphones raus und versuchen zu verstehen, was Sie uns eigentlich sagen wollten.

Manchmal freuen wir uns aber auch nur, dass Sie ein T-Shirt haben, dass uns etwas sagt. Und hören Ihnen schon deshalb gerne zu.

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Danke an Emily für T-Shirt und QR-Code!